Monthly Archives: September 2014

Am Samstag, den 20. September 2014 besuchten Überlebende des Warschauer Aufstandes von 1944 gemeinsam mit überlebenden KZ-Häftlingen und ehemaligen Angehörigen der polnischen Heimat-Armee in Begleitung des Generalsekretärs des Rates zur Bewahrung des Gedenkens an Kampf und Martyrium im Ministerium für Kultur und nationales Erbe der Republik Polen, Herr Minister Dr. hab. Andrzej Krzysztof Kunert, und seiner Excellenz des Botschafters der Republik Polen in Österreich, Herr Botschafter Mag. Artur Lorkowski, auch die KZ-Gedenkstätte Gusen um mit militärischen Ehren auch die in Gusen zu Tode gebrachten Kämpfer des Warschauer Aufstandes zu ehren.

Neben Minister Kunert und Botschafter Lorkowski sprach auch Herr Stanislaw Zalewksi, der die beiden Konzentrationslager Gusen I und Gusen II überlebte, Worte des Gedenkens. Herr Zalweski betonte dabei ausdrücklich dass Gusen hinsichtlich der Bedeutung für Polen in einer Reihe mit Auschwitz und Katyn zu nennen ist und dass das KL Gusen I bei den Häftlingen den Beinamen „Vorraum zur Hölle“ trug während das noch viel schlimmere KL Gusen II als „Tiefes Inneres der Hölle“ galt. Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung in Gusen wurden die Vorstandsmitglieder des Gedenkdienstkomitees Gusen, Frau Schulrat Martha Gammer und Herr Konsulent Ing. Rudolf Haunschmied durch Herrn Minister Kunert im Festsaal des alten Rathauses in Linz für jahrzehntelange, ehrenamtliche Gedenkdienstarbeit mit der Goldenen Medaille der Bewahrer von Orten des nationalen Gedenkens ausgezeichnet. Vor der Gedenkfeier in Gusen fanden auch Gedenkfeiern in Ebensee und in St. Johann bei Wolfsberg statt.

Der Warschauer Aufstand begann am 1. August 1944, dauerte 63 Tage, kostete über 200.000 Menschen das Leben und führte zur Vernichtung der Hauptstadt Polens. 600.000 Zivilisten wurden dabei aus der Stadt vertrieben und mehr als 150.000 von ihnen gelangten in Konzentrationslager oder wurden zur Zwangsarbeit gezwungen. Die während des Aufstandes in Gefangenschaft geratenen Soldaten der polnischen Heimatarmee, wurden unter anderem in das Stalag VIII A in St. Johann bei Wolfsberg, gebracht, wo schon seit 1939 polnische Offiziere gefangen gehalten wurden. Heute werden ihre Gräber vom Österreichischen Schwarzen Kreuz betreut und gepflegt.

75 Jahre nach Stalins Überfall auf Polen am 17. September 1939 ist es unter Historikern unbestritten, dass nur Stalin, dessen Rote Armee damals schon zwei Monate lang in Ost-Warschau lag, von der Niederlage des Warschauer Aufstands durch die Deutschen politisch profitierte und deshalb die polnische Heimat-Armee in Warschau damals militärisch nicht unterstützte. Die polnische Intelligenz, die 1944 in Warschau gekämpft hatte, wurde von den Nazis ermordet oder vertrieben. Dies erleichterte den Aufbau des Kommunismus im Nachkriegspolen. Auch die Konzentrationslager Mauthausen und Gusen sowie das Nebenlager Ebensee hatten eine besondere Rolle bei der gezielten Ermordung der Warschauer Intelligenz durch das Dritte Reich nach der Niederlage des Warschauer Aufstands gespielt.

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Am 13. September 2014 konnte der KZ Gusen II Überlebende Modesto Melis aus Carbonia in Sardinien (ehem. Häftlings Nr. 82441) mit einer Sondererlaubnis der österreichischen Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) nach 70 Jahren erstmals wieder in der Stollenanlage „Bergkristall“ die unterirdische Welt des ehemaligen KZ Gusen II in St. Georgen/Gusen besuchen.

Obwohl Herr Melis als Falschirmjäger Kriegsteilnehmer war, wurde er am 4. Februar 1944 von der Gestapo mit nur 24 Jahren verhaftet und als politischer Häftling nach einem kurzen Quaratäneaufenthalt im KZ Mauthausen am 13. August 1944 als Elektromechaniker in das Konzentrationslager Gusen II eingewiesen. Er war dort in Block 6 untergebracht und musste unter grausamen Bedingungen in der unterirdischen Flugzeugfabrik in St. Georgen die Cockpits von Messerschmitt Me 262 Düsenjägern am Fließband verkabeln. Nur weil er ein ausgesprochener Spezialist war überlebte er das Konzentrationslager Gusen II, welches als das schrecklichste Kommando im ehem. KZ-Komplex Mauthausen-Gusen galt.

Die Erinnerungen von Modesto Melis wurden mit Hilfe der Stadt Carbonia und der Region Carbonia Iglesias durch Giuseppe Mura im Jahre 2013 im Verlag Giampaolo Cirronis Editore in Iglesias auf Sardinien in Buchform herausgebracht und sind unter dem Titel „L´animo degli offesi“ (Die Seele der Beleidigten) auf Italienisch verfügbar.

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