KZ Gusen I (Langenstein)

Gründung

Bereits in der Zeit vor der Gründung des Konzentrationslagers KL Gusen I wurden täglich Häftlinge aus einem provisorischen Lager im sogenannten Wienergraben bei Mauthausen etwa vier Kilometer weit zur Arbeit in den Steinbrüchen nach Gusen getrieben.

Da im Winter 1938/39 pro Monat bis zu 150 Gefangene durch diesen kräfteraubenden Marsch verstarben, wurde im Dezember 1939 beschlossen, das bereits 1938 angedachte Gefangenenlager in Gusen nun wirklich einzurichten.

KL Gusen I

Das Konzentrationslager KL Gusen I am 15. März 1945.

400 deutsche und österreichische KZ-Häftlinge mussten darauf hin täglich aus dem provisorischen KZ-Lager im Wienergraben bei Mauthausen nach Gusen marschieren um in Gusen eine weiteres Konzentrationslager parallel zum Konzentrationslager in Mauthausen aufzubauen. Bis März 1940 wurden auf diese Weise die ersten drei Häftlingsbaracken sowie ein paar Unterkunftsbaracken für den SS-Wachsturmbann Gusen und ein elektrisch geladener Zaun aufgebaut.

Da sich damals auch das KL Mauthausen im Bau befand, wurden die beiden Konzentrationslager (Mauthausen und Gusen ) vom damaligen SS-Sturmbannführer Franz Ziereis von einer gemeinsamen Kommandantur im Wienergraben aus geführt. Diese Kommandostruktur wurde im März 1940 durch SS-Hauptsturmführer Karl Chmielewski verstärkt, der damals als Lagerführer aus dem KZ Sachsenhausen ins KZ Gusen kam, wo er bis 1943 Schutzhaftlagerführer I blieb. Zu den ersten Häftlingen in Gusen zählten vor allem auch Priester und Gegner des NS-Regimes aus Deutschland und Österreich, wie z.B. Dr. Johann Gruber.

Diese Häftlinge wurden durch die schwere Arbeit in den Steinbrüchen „Kastenhof“ und „Gusen“ sowie den Lageraufbau in Gusen schnell zu Tode gebracht. So entwickelte sich das „Lager“ Gusen zu einem der ersten im Dritten Reich in dem Menschen systematisch vernichtet wurden.

Vernichtung Polnischer Eliten

The "Jourhaus" Entrance and Command Building of KZ Gusen I

Das sog. “Jourhaus” war das Haupt-Eingangsgebäude  zum Konzentrationslager KL Gusen I.

Nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf Polen nutze die Gestapo das damals noch im Aufbau befindliche KL Gusen zur Vernichtung einer grossen Gruppe von polnischen Intellektuellen bei der Arbeit in den Steinbrüchen und auf den zahlreichen Baustellen.

Die erste Gruppe von 480 polnischen Häftlingen wurde am 9. März 1940 in das KL Gusen eingewiesen. Bis zum Frühjahr 1941 stieg die Häftlingszahl in Gusen von rund 800 auf etwa 4000 an, obwohl alleine im Jahre 1940 schon 1522 infolge der schweren Arbeit in den Steinbrüchen oder bei der Ziegel-Produktion im Lungitz starben. Ende 1941 bildeten sowjetische Kriegsgefangene die nächste Gruppe von Häftlingen, die im KL Gusen durch harte Arbeit und Nahrungsentzug ausgerottet wurde. Mit Häftlingen aus dieser Gruppe wurde 1942 auch die erste Vergasung von Kriegsgefanenen in Gusen durchgeführt.

Am 29. Januar 1941 wurde in Gusen auch das erste Krematorium in Betrieb gesetzt. Etwa zu dieser Zeit erhielt Gusen auch ein eigenes Totenbuch.

KZ Gusen entwickelte sich schneller als KZ Mauthausen

Inmates pave the roll call square of KZ Gusen I (1940)

Häftlinge pflastern Anfang 1940 den Appellplatz des Konzentrationslagers KL Gusen I.

Bereits Ende 1941 wies das KL Gusen etwa 8.500 KZ-Häftlinge auf und übertraf dabei in der Häftlingszahl erstmals das Lager Mauthausen um ca. 1000 Häftlinge.

Von diesem Zeitpunkt an wies die KL von Gusen mit Ausnahme des Jahres 1943 stets mehr Häftlinge auf als das Lager Mauthausen.

Am 1. Januar 1941 wurden die beiden Lager Gusen und Mauthausen als einzige Konzentrationslager im Dritten Reich in die Lager-Kategorie III eingestuft – ein Kategorie, die für Gestapo-Beamte im ganzen Reich soviel bedeutete wie “Lager ohne Wiederkehr”. Von Mauthausen nach Gusen eingewiesen zu werden, bedeutete bis zum Herbst 1943 für viele Häftlinge de facto ein Todesurteil.

Der grösste Steinbrecher Europas

Durch die tausenden polnischen Arbeitssklaven entwickelte sich die Steinproduktion in den vier Steinbrüchen des KZ Gusen so schnell, dass die DEST sogar beschloss, in Gusen den damals größten Steinbrecher Europas zu errichten.

Die schweren Bauarbeiten wurden dabei von tausenden republikanischen Spaniern geleistet, die 1941 nach der Niederlage gegen die Faschisten aus Internierungslagern in Frankreich vor allem auch nach Gusen gebracht wurden.

Bis zur Inbetriebnahme dieses Steinbrechers im Frühling 1943 sind für dessen Errichtung etwa 2000 Spanier aufgeopfert worden.

Die Ruine dieses Steinbrechers ist auch heute noch zu sehen. Es ist auch erwähnenswert, dass die italienischen Architekten, die im Jahr 1962 das Memorial Crematorium KZ Gusen geplant haben, stilistisch durch den auffallenden Beton-Kubus auf das Erscheinungsbild dieses Steinbrechers Bezug genommen haben.

Kopfbahnhof KZ Gusen

Am 3. März 1941 begann die SS auch mit der Errichtung einer ca. 2 Kilometer langen Eisenbahnverbindung zwischen dem Bahnhof in St. Georgen/Gusen, dem riesigen Steinbrecher und dem KL Gusen. Diese Bahnanlage wurde damals „Schleppbahn“ bezeichnet und war auch mit einem eigenen, dreigleisigen „Übernahmebahnhof“ ausgestattet, wo die SS die für Gusen bestimmten Eisenbahntransporte übernahm.

Für diese Bahnanlage wurde durch KZ-Häftlinge von Gusen auch die sogenannte “Schleppbahnbrücke ” über den Fluss Gusen im September 1941 in nur einem Tag und einer Nacht aus Beton gestampft. Diese Schleppbahnbrücke existiert noch heute.

Archäologisches Museum im KZ Gusen

One guard tower of KZ Gusen I

Einer der Wachtürme des Konzentrationslagers KL Gusen I.

Während des Baues der sog. Schleppbahn fand die SS Anfang 1942 einen Friedhof aus der Bronzezeit. Nachdem dieser angeschnitten war, befahl Lagerkommandant Chmielewski dem Kommando „Schleppbahn –Bau“ die Einstellung der Bauarbeiten zu stoppen und setze ein Häftlings-Spezialkommando unter der Leitung des in Gusen inhaftierten Priesters Dr. Johann Gruber ein, um im Bereich der geplanten Bahntrasse umfangreiche archäologische Ausgrabungen durchzuführen.

Später liess Lagerkommandant Chmielewski im KZ Gusen auch ein kleines archäologisches Museum einrichten, um dort die Funde hochrangigen Besuchern des Konzentrationslagers wie z.B. aus Berlin zeigen zu können.

Durch die Einrichtung dieses Museums versuchte Lagerkommandant Chmielewski auch auch die Aufmerksamkeit des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler, auf sich zu ziehen, um wohl auch seine eigene Karriere zu fördern.

Nachdem die archäologischen Ausgrabungen abgeschlossen waren, wurde der Bau der Schleppbahn fortgesetzt, so dass die SS-Bahnanlagen von Gusen am 23. März 1943 in Betrieb genommen werden konnten.

Mit dieser Schleppbahn stand ab dem Frühling 1943 eine weitere Einrichtung für die industrielle Ausbeutung der KZ-Häftlinge zur Verfügung. Letztendlich wurden bis zu fünfundzwanzig Lokomotiven eingesetzt, um den riesigen KZ-Komplex Gusen am Laufen halten zu können.

Der schon begonnen SS-Donauhafen in Gusen

Die Planungen für einen eigenen Donau-Hafen der SS beim KZ Gusen waren bereits abgeschlossen, als Rüstungsminister Speer im März 1943 die Weiterführung dieses weiteren Grossprojektes der SS in Gusen untersagte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Wohnbaracken für das Kommando „Hafenbau“ längst eingerichtet und auch bereits die Bäume im Bereich des geplanten Hafengeländes geschlägert. Auch hatten die Häftlinge und die dazu in die Region geholten Fachfirmen bereits ihre Feldbahnen verlegt und mit ersten Erdarbeiten begonnen gehabt.

Das Häftlings-Bordell im KZ Gusen

The Camp Brothel of KZ Gusen I (ca. 1942)

Das Häftlings-Bordell im Konzentrationslager KL Gusen I (ca. 1942).

Als der Reichsführer SS, Himmler, im Juni 1941 die beiden Lager Mauthausen und Gusen besucht hatte, gab er den Befehl, für bestimmte Gruppen von privilegierten Häftlingen in beiden Konzentrationslagern sogenannte „Sonderbauten“ einzurichten. Während das Häftlingsbordell in Mauthausen in einer Holzbaracke eingerichtet wurde, baute man in Gusen ein eigenes, gemauertes Bordell-Gebäude auf, das heute noch als privates Wohnhaus benutzt wird und in dem ab Herbst 1942 acht bis zehn deutsche Frauen aus dem KZ Ravensbrück als Prostituierte arbeiteten.

In der Regel waren die Bordell-Besuche auf privilegierte Häftlingsfunktionäre, wie z.B. Kapos, aus Deutschland, Österreich, Polen oder Spanien oder Häftlinge beschränkt, die in Kommandos für die Rüstungsproduktion arbeiteten.

Jeder dieser Bordell-Besucher hatte pro Besuch RM 2,– zu zahlen. Davon erhielt die Prostituierte RM 0,50 und das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt (WVHA) in Berlin jeweils RM 1,50.

Rüstungsproduktion beim KZ Gusen

Möglicherweise begann die SS-Firma DEST wegen der Intervention durch Rüstungsminister Speer im Frühling 1943 in den Konzentrationslagern Flossenbürg , Mauthausen und Gusen mit der Umwandlung der Steinproduktion in Richtung Kriegsproduktion. So wurden 1943 durch die DEST in Gusen gleich eine Gruppe von etwa achtzehn neuen Produktionshallen unter der Kommando-Bezeichnung “Georgenmühle I, II , III und IV ” für die Steyr-Daimler-Puch AG (SDP) in Betrieb genommen. Die Steyr-Daimler-Puch AG zählte damals zu den führenden Rüstungskonzernen und stellte mit Häftlingen in Gusen unter anderem Teile für Flugzeugmotoren, Karabiner und Maschinengewehre her.

Ende 1943 wurde die DEST in Gusen auch ein Geschäftspartner der Messerschmitt GmbH aus Regensburg um mit KZ-Häftlingen auch Rümpfe und Flügel für das Jagdflugzeug Me 109 herzustellen. Zu diesem Zweck investierte die DEST in vier große, Hangar-ähnliche Produktionshallen im Bereich nordöstlich des Schutzhaftlagers. Nach Anlauf der Produktion produziert die DEST dort etwa zwanzig Rümpfe und Flügelpaare täglich.

Diese Rüstungsprojekte brachten damals vorübergehend eine gewisse Verbesserung der Lebensbedingungen für die Häftlinge im Konzentrationslager mit sich. Die Situation änderte sich aber wieder drastisch, als der “Sonderstab Kammler” 1943 das Umland um das KZ Gusen auch als geeigneten Standort für die Errichtung unterirdischer Fabriken befand.

Die unterirdischen Anlagen des KZ Gusen

Die erste Stollenanlage wurde unter der Tarnbezeichnung „Kellerbau“ gleich unmittelbar nord-westlich des KL Gusen I errichtet, um dort z.B. die Produktion von Teilen für Düsenflugzeuge und Maschinenpistolen bombensicher unterzubringen. Dieser U-Verlagerungsbetrieb hatte eine Produktionsfläche von rund 12.000 Quadratmetern.

Fast gleichzeitig wurde eine weitere, noch größere unterirdische Anlage mit rund 50.000 Quadratmeter Produktionsfläche im nahe gelegenen Marktort St. Georgen/Gusen unter der Tarnbezeichnung „B8 Bergkristall – Esche 2“ errichtet. Der Bau und der Betrieb dieser Grossbunkeranlage trug wesentlich dazu bei, dass die Konzentrationslager von Gusen letztlich zu den schrecklichsten zählten, die es im Zweiten Weltkrieg gab. Die erste Gruppe von 272 Häftlingen, wurde bereits am 2. Januar 1944 zum Kommando “Bergkristall-Bau” abkommandiert.

KZ Gusen II – Die Hölle aller Höllen

Da der Stollenbau in Gusen sehr viele Menschenleben forderte, wies die SS systematisch tausende von neuen Häftlingen aus verschiedenen Teilen Europas in das Konzentrationslager Gusen ein. Daher wurde Anfang 1944 ein in Teilen bereits in Gusen bestehendes SS-Bekleidungslager mit Bahnanschluss zu einem weiteren Konzentrationslager in Gusen – dem KL Gusen II ausgebaut. Dieses Lager war nur eine Art Provisorium und wurde 1944/45 zum schrecklichsten Konzentrationslager im Gesamtsystem Mauthausen-Gusen mit seinen unzähligen und über grosse Teile Österreichs verstreuten Aussenkommandos.

Durch die Errichtung des KL Gusen II wurden das schon seit 1940 bestehende Konzentrationslager in Gusen als KL Gusen I bezeichnet und enger an das benachbarte KL Mauthausen angeschlossen.

Bis zum Ende des Krieges befanden sich somit bis zu 25.000 Häftlinge in den Konzentrationslagern KL Gusen I , II und III. Diese im Vergleich zum KL Mauthausen etwa doppelt so große Häftlingszahl teilte sich wie folgt auf:

  • KL Gusen I (Gusen): 12.000 Häftlinge (z.B. Kommando Georgenmühle und Steinbrüche)
  • KL Gusen II (St. Georgen): 12.500 Häftlinge in KZ Gusen II (z.B. Kommando „Bergkristall-Bau“ und „Bergkristall-Fertigung“)
  • KL Gusen III (Lungitz): 274 Häftlinge (z.B. Logistik und Häftlings-“Bäckerei”)

Die Befreiung

Alle drei „Gusener“ Konzentrationslager und auch das KL Mauthausen wurden am 5. Mai 1945 von Stabsfeldwebel Albert J. Kosiek und seinen dreiundzwanzig Männern der 41. Aufklärungsstaffel der 11. US Panzerdivision der 3. US Armee befreit. Kosiek´s Aufklärungszug wurde damals durch Louis Häfliger, einem Deligierten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) aus der Schweiz nach Gusen geführt, um die Tötung der etwa 25.000 dort befindlichen KZ-Häftlinge kurz vor Kriegsende zu verhindern. Die SS plante nämlich, alle Zeugen der in Gusen begangenen Verbrechen im Zuge der Sprengung der Stollensysteme von Gusen I und Gusen II zu töten.

Anzahl der Opfer

Alles in allem starben offiziell rund 37.000 Menschen im Zusammenhang mit den Konzentrationslagern KL Gusen I, II und III. Polnischen Quellen geben aber bis zu 44.000 KZ-Opfer von Gusen an. Dabei sind auch jene KZ-Häftlinge der KL von Gusen berücksichtigt, die zum Sterben z.B. nach Schloss Hartheim oder in das sogenannten “Sanitätslager“ vor den Toren des KL Mauthausen gebracht wurden.

Bemerkenswert ist dabei, dass die Opferzahlen der KL von Gusen:

  • um mehrere tausend Menschen höher sind, als im benachbarten KL Mauthausen
  • fast ein Drittel aller KZ-Opfer darstellen, die in allen Konzentrationslagern zu Tode kamen, die damals über große Teile Österreichs verstreut waren.

Die vergessene KZ-Opfer von Gusen

Der grösste Teile der Areale der ehemaligen Konzentrationslager von Gusen wurde in den späten 1950-er Jahren privatisiert und es wurden viele privaten Wohnhäuser in Bereichen errichtet, wo zehntausende Menschen litten und starben.

Um zu verhindern, dass nicht auch noch die Krematoriumsöfen der ehemaligen Konzentrationslager von Gusen abgetragen und in die zentrale Gedenkstätte nach Mauthausen überführt werden, kaufte eine Gruppe italienischer und französischer Überleber dieses Grundstück und liess in den frühen 1960-er Jahren über diesen Verbrennungsöfen das Memorial Crematorium KZ Gusen errichten, um nachhaltig an die etwa 40.000 Opfer der ehemaligen Konzentrationslager KL Gusen I, II und III zu erinnern.

Erst im Zuge der lokal-internationalen Gedenkfeier am 3. Mai 1997 wurde dieser bedeutende Memorialbau durch einzelne Überlebende der Republik Österreich anvertraut. Diese offizielle Übergabe inspirierte damals auch die Schaffung dieser Internet-Dokumentation, die ebenfalls der Erinnerung an die zehntausenden, oft vergessenen Opfer der Konzentrationslager von Gusen gewidmet ist.

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