Konzentrationslager KL Gusen II (St. Georgen/Gusen)

KL Gusen II

Das KL Gusen II am 15. März 1945

Einrichtung

Das Konzentrationslager (KL) Gusen II wurde offiziell am 9. März 1944 gegründet, um Häftlinge für den Bau der Großbunkeranlage „B8 BERGKRISTALL – ESCHE 2“ in St. Georgen an der Gusen unterzubringen. Bis zu 16.000 Häftlinge wurden in nur neunzehn Baracken gepfercht, welche nur wenige hundert Meter neben dem KZ-Lager KL Gusen I errichtet worden waren. Die Häftlinge wurden in der Regel mit der sogenannten „Schleppbahn“ zu jeder Arbeitsschicht vom KZ-Lager Gusen II zur Baustelle nach St. Georgen/Gusen gebracht.

Exkurs “Bergkristall”

Als im Sommer 1943 die alliierten strategischen Bomberflotten auch zentralere Teile des Großdeutschen Reiches erreichten, wurde auch das Flugzeugwerk der Messerschmitt GmbH in Regensburg stark in Mitleidenschaft gezogen.

Darauf hin wurde auch diese wichtige Produktionsstätte für die deutsche Luftwaffe auf mehrere, räumlich weit von einander getrennte Produktionsstandorte und teilweise auch in entsprechend eingerichtete unterirdische Anlagen verlagert.

Um vor allem den Bau der unterirdischen Verlagerungsbetriebe zu ermöglichen, haben unter anderem auch RFSS Heinrich Himmler und Reichsmarschall Hermann Göring damit begonnen, die Arbeitskraft von Menschen auszubeuten, die aus den von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten zu diesem Zweck zu den Verlagerungsstandorten deportiert wurden.

Joint Venture

Im Komplex Mauthausen-Gusen bildeten die DEST (das SS-Unternehmen, das seit 1938/39 auch für die Ausbeutung der KZ-Häftlinge in den regionalen Steinbrüchen verantwortlich zeichnete), die Deutsche Luftwaffe und die Messerschmitt GmbH Regensburg eine Art „Joint Venture“ um im Lagerteil Gusen den U-Verlagerungsbetrieb „B8 BERGKRISTALL-ESCHE 2“ für die Endmontage der Rümpfe des Düsenjagdflugzeuges Me 262 zu realisieren.

Die Messerschmitt GmbH realisierte ein Drittel der Flugzeugproduktion in Werken der DEST

Aufgrund ihrer strategischen Bedeutung, dominierten die unterirdischen Anlagen von KZ Gusen II – BERGKRISTALL in der letzten Phase des Krieges nicht wenige Lager des Komplexes Mauthausen-Gusen. So wurden z.B. auch im Bereich des Steinbruches Wienergraben (direkt unterhalb des KL Mauthausen) ab 1944 einige Baracken für die Produktion von Flugzeugteilen genutzt.

Schon im Frühling 1944 stellte die Messerschmitt GmbH Regensburg (zusammen mit DEST) fast ein Drittel der Flugzeugproduktion in den KZ-Komplexen Mauthausen-Gusen und Flossenbürg sicher.

Unternehmen aus verschiedensten Gebieten des Reiches und Konzentrationslager wie Flossenbürg produzierten in einem großen logistischen Netzwerk die unzähligen Bauteile, die schließlich von Häftlingen des KZ Gusen II (St. Georgen/Gusen) zu Rümpfen und Tragflächen für Messerschmitt Düsenjäger zusammengebaut wurden.

DEST (das SS-Unternehmen) brachte dafür in das Joint Venture ein:

  • Das Stollensystem (welches von Häftlingen des KZ Gusen II erbaut wurde)

Die Luftwaffe:

  • Große Teile des Wachpersonals für das KZ Gusen II und Arbeitskommandos des Bauvorhabens „B8 Bergkristall-Esche 2“, weil der SS besonders in dieser letzten Phase des Krieges bereits das erforderliche Personal fehlte.

Die Messerschmitt GmbH Regensburg:

  • Das technische Know-How, die Materialien, Ingenieure und Facharbeiter.

Himmler und Göring befahlen Anfang 1944 auch große Deportations-Programme, nur um eine ausreichende Zahl an Arbeitssklaven für Riesenprojekte wie BERGKRISTALL in St. Georgen/Gusen zu bekommen.

Deportationen aus Westeuropa

Dies bedeutete in jenen Tagen, dass Tausende von jüngeren Männern in ihren Heimatländern (vor allem in Frankreich, Italien, Belgien und Luxemburg) von der Gestapo gefangen genommen wurden um anschließend bei U-Verlagerungsprojekten wie in KZ Gusen II – Bergkristall aufgerieben zu werden.

Deportationen aus dem KZ Auschwitz

Auch im KZ Auschwitz wurden tausende von jungen jüdischen Männern selektiert, um oft ohne Registrierung von dort direkt zum KZ Gusen II überstellt zu werden. Dort mussten sie am Bau der Tunnel oder bei der Herstellung der Flugzeuge mitwirken. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass fast ein Drittel aller registrierten Opfer von KZ Gusen II (Bergkristall) Juden waren.

Die Juden gehörten zu den am schlechtesten gestellten Häftlingsgruppen im KZ Gusen. Sie hatten oft die schmutzigsten, schwersten oder gefährlichsten Arbeiten zu verrichten. Viele von ihnen überlebten diese “Hölle der Höllen”, wie das KZ Gusen II auch genannt wurde, oft nur ein paar Arbeitstage.

Vernichtung durch Arbeit

A victim of KZ Gusen II

Ein Opfer des KZ Gusen II im Sand von “Bergkristall” in St. Georgen.

Für andere Gruppen von Gefangenen betrug die durchschnittliche Lebensdauer im KL Gusen II etwa vier Monate. Der selige Marcel Callo, der nach ein paar Monaten härtester Arbeit im KZ Gusen II starb, ist ein Beispiel.

So wie er sind Tausende, nachdem sie im KZ Gusen II ausgeschunden worden waren, zum Sterben in das sogenannte “Sanitätslager” vor den Toren des KL Mauthausen überstellt worden.

Die kurze Lebensdauer war im KZ Gusen II neben der harten Arbeit in den Stollen und sehr schlechte Versorgung  auch auf die kaum vorhandene Infrastruktur für die etwa 16.000 Häftlinge in diesem äußerst provisorischen Lager zurückzuführen.

Fehlende Infrastruktur

In vielen Fällen fehlte den Häftlingen im KZ Gusen II neben einem Dach über dem Kopf und einem Schlafplatz im Lager vor allem auch Nahrung, Kleidung und auch Trinkwasser. Das verseuchte Wasser soll aus der Donau gekommen sein und es bedeutete Selbstmord, von diesem Wasser im Lager zu trinken.

Erfrieren

Im Winter 1944/45 kamen mehr Häftlinge über die direkte Bahnverbindung im KZ Gusen II an, als die SS gebrauchen konnte. Daher entschied die SS, die Deportierten, die mitunter auch aus dem KL Auschwitz kamen, noch in den Waggons zu töten. Man ließ dazu die Eisenbahnwagen mit den Deportierten bei Temperaturen weit unter Null Grad einfach für mehrere Tage auf der sog. Schleppbahn zwischen St. Georgen und dem KL Gusen II stehen, bis alle Häftlinge erfroren waren.

Zeugenvernichtungsprogramm für KZ Gusen

Stanislaw Dobosziewicz schreibt in seinem Buch über Mauthausen-Gusen, dass im Februar 1945, Himmler und Pohl geplant hatten, alle Insassen der KL Gusen I & II (etwa 25.000 Häftlinge) zusammen mit der Bevölkerung von St. Georgen und Gusen in den Stollensystemen von St. Georgen und Gusen in die Luft zu sprengen, um mögliche Zeugen zu späteren Gerichtsverfahren zu töten.

Als der Delegierter des Internationalen Komitee des Roten Kreuze, Herr Louis Häfliger davon erfuhr, riskierte er sein Leben, als er am 5. Mai 1945 erfolgreich erste amerikanische Truppen nach Mauthausen und Gusen dirigierte, um diese letzte Katastrophe zu verhindern. Es waren dies Soldaten der 41. Aufklärungseinheit der 11. Panzerdivision der 3. Amerikanischen Armee (41st Recon Squad, 11th Ard Div, 3rd US Army), die an nur einem Tag auch noch die Konzentrationslager KZ Gusen I, KZ Gusen III und das KZ Mauthausen befreiten.

Nach der Befreiung

Bis Ende Juli 1945 wurden von den US-Streitkräften wichtige Maschinenteile und Materialien aus der Stollenanlage „Bergkristall“ entfernt. Dann übernahmen die Sowjets das ehemals streng geheime Flugzeugwerk „Bergkristall-Esche 2“ und demontierten bis Ende 1947 alle noch verbliebenen Maschinen und Einrichtungen. Schließlich sprengten sie die Tunnel im November 1947 wegen ihrer strategischen Bedeutung.

Weiterführende Literatur

  • Aldebert Bernard, Chemin de Croix en 50 Stations de Compiegne a Gusen II en passant par Buchenwald, Mauthausen e Gusen I, Fontenay-aux-Roses 1946 (siehe auch Hölzl, Gusen II …)
  • Aldebert Bernard, Il campo di sterminio di Gusen II dall orrore della morte al dolore del ricordo, Selene Edizioni, Milano 2002
  • Amicale Luxembourgois de Mauthausen, Letzeburger zu Mauthausen – Gusen II, Luxembourg 1970
  • Bernadac Christian, Le Neuvieme Cercle – Gusen II, Editions France Empire, Paris 1975
  • Dobosiewicz Stanislaw, Vernichtungslager Gusen, Mauthausen-Studien, Band 5, Schriftenreihe der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, herausgegeben vom Bundesministerium für Inneres, Wien, April 2007
  • Hanausch Reinhard, Lübbers Bernhard, Smolorz Roman, Spoerer Mark (ed.), Überleben durch Kunst – Zwangsarbeit im Konzentrationslager Gusen für das Messerschmittwerk Regensburg, Dr. Peter Morsbach Verlag, Regensburg 2012
  • Haunschmied Rudolf A., NS-Geschichte 1938 bis 1945, in: 400 Jahre Markt St. Georgen an der Gusen, Marktgemeinde St.Georgen a.d. Gusen, 2011
  • Haunschmied Rudolf A., Mills Jan-Ruth, Witzany-Durda Siegi, St. Georgen-Gusen-Mauthausen – Concentration Camp Mauthausen Reconsidered, Books on Demand, Norderstedt 2008
  • Harfenes Rav Yechezkel, Slingshot of Hell, Targum Press Inc, Southfield, Michigan 1988
  • Hölzl Elisabeth, Gusen II – Leidensweg in 50 Stationen. Übersetzt und herausgegeben nach Bernard Aldebert “GUSEN 2 – chemin de croix en 50 stations”  mit einem Vorwort von Pierre Serge Choumoff, Bibliothek der Provinz, Weitra 1997 (siehe auch Aldebert, Chemin de Croix …)
  • Littner Karl, ed. Rudolf A. Haunschmied, Life Hanging on a Spider Web – From Auschwitz-Zasole to Gusen II, Books on Demand, Norderstedt 2011
  • Vitry Stephanie, Les Morts de Gusen, Maitrise d´histoire, Universite de Paris I, Panteon-Sorbonne, 1994
  • Zuckermann Abraham, A Voice in the Chorus: Life as a Teenager Saved by Schindler, First Longmeadow Press Edition, Stamford, CT 06904, U.S.A., 1994 (wie viele andere Juden, die durch Oskar Schindler gerettet wurden, wurde Abraham Zuckerman, der auch ein Mitbegründer des U.S. Holocaust Memorial Museums (USHMM) war, nach Gusen II gebracht, wo er erst am 5. May 1945 befreit wurde).
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